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Apple scheint wieder zugeschlagen zu haben. Wie der britische Telegraph berichtet, sind aus der UK-Version des iBookstore vier Titel erotischen Inhalts verschwunden. Das Besondere daran: die Titel waren über Wochen in der dortigen Bestellerliste auf den vorderen Plätzen. Es handelt sich um Bücher wie Blonde and Wet, the Complete Story des englischen Autors Carl Earst, der dort isngesamt 70 Titel hat. Die jetzt verschwundene Ausgaben waren auf den Plätzen 1, 2 und 7 in der Top Ten und zwar über Wochen. Problem allerdings: Die Downloads kosteten nur 0,49 Pfund, knapp 60 Eurocent. Jetzt sind sie jedenfalls erstmal verschwunden.

Im deutschen iBookstore gibt es übrigens ein ähnliches Phänomen. Auch dort sind die Plätze 2 und 3 explizit erotische Titel. Sowohl das Werk “Feuchtoasen” einer gewissen Anna Lynn als auch “Vögelfrei” von Sohie Andresky sind nicht als Literatur im eigentlichen Sinne einzustufen, sondern bestehen eigentlich ähnlich wie Pornofilme nur aus “Stellen” und etwas drumrum. Diese eBooks fallen aber preislich mit 9,99 bzw. 6,99 Euro nicht aus dem Rahmen.

Warum die Erotikliteratur so erfolgreich im Downloadbereich nicht nur auf dem iPad ist, erklärte übrigens ein Buchmarktexperte dem Telegraph mit dem unschuldigen Aussehen des iPad. Man sehe eben von außen nicht, was gerade drauf gelesen wird. Könnte sich auch um Platon handeln.

Screenshot: Die Top 5 des deutschen iBookstore heute

Apple scheint auf Proteste gegen (selbst)zensierte Inhalte bei Apps für das iPad zu reagieren. Jetzt wurden zwei Comic-Titel nach Protesten wieder in ursprünglicher Form zugelassen.

Wie berichtet, muss sich Apple dem Vorwurf aussetzen, selbst leicht anstößige, erotische Inhalte oder auch Gewaltdarstellungen aus dem App-Store rausschmeißen und mit dieser Poltik weit über das Ziel hinauszuschießen. Wir hatten hier auf Schwärzungen in der deutschen BILD hingewiesen. Jetzt scheint Bewegung in die Sache zu kommen.

Zum einen hat nach eigener Beobachtung die BILD auf Balken über blankem Busen in den letzten Tagen verzichtet. Zum anderen sind jetzt zwei Fälle bekannt geworden, in denen Comics zunächst auf Verlangen des App-Store-Teams zensiert und dann nach heftigen Protesten in der Web-Öffentlichkeit doch wieder in der ursprünglichen Form zugelassen wurden.

Dabei gandelt es sich in dem einen Fall um eine Comic-Adaption des Romans Ulysses von James Joyce. Dieser Roman erregt, nebenbei bemerkt, wegen expiliziter Schilderung sexueller Handlungen seit Jahrzehnten die Gemüter. Die Comic-Version als iPad-App – Titel: Ulysses Seen – ist dagegegen eigentlich ziemlich harmlos und enthält nur eine Zeichnung mit einem nacktem Frauenoberkörper. Apples Reaktion: Das muss geändert werden.

Gleiche Vorgehensweise bei einer Graphic Novel nach Oscar Wildes Importance of Being Earnest. Hier bestand die inkriminierte Stelle in einem Kuss – allerdings von zwei Männern, also in einer homoerotischen Darstellung. Die Autoren entschlossen sich daher zu schwarzen Balken.

Die Folgen war erheblich, denn beide Autoren machten das Vorgehen von Apple öffentlich und lösten damit einen Proteststurm im Web aus.

Jetzt die Kehrtwende: Apple ist zurückgerudert. Apple-Sprecher Trudy Miller sagte: “Wir haben einen Fehler gemacht.”

Inzwischen sind beide Comics wieder in der Original-Fassung erhältlich.

Fazit: Protest scheint was zu bringen. Apple hat seine Politik noch nicht gefunden. Der Computerhersteller muss lernen, sich auf dem empfindlichen Feld des veröffentlichten Wort und Bildes zurechtzufinden. Wie es aussieht, haben die Verantwortlichen die Reaktionen unterschätzt. Apple scheint lernfähig und will die intellektuelle Öffentlichkeit nicht vergrätzen.

Quellen: Bleeding Cool, The Big Money

Danke an @quitzi für den Hinweis

Zensur in Zeiten des iPads

von Dirk Baranek am 28. Mai 2010 · 27 Kommentare

Apple reguliert die Inhalte, die bei iTunes angeboten werden. Der Bereich Musik ist meines Wissens noch nie so recht davon betroffen gewesen, aber bei den Apps gab es zuletzt erhebliche Eingriffe. Inhalte mit leicht anzüglichem Bildmaterial wurden rausgeschmissen. Es ging dabei nicht um Pornografie, davon war sowieso noch nie etwas zu sehen, sondern um relativ harmlose Bikini-Fotos.

Jetzt aber geht es weiter. Inzwischen sind ja auch deutsche Verlage mit ihren Produkten auf Grund der neuen Möglichkeiten des iPads dort vertreten. Unter anderem der Springer-Verlag mit seiner App iKiosk. Mit der ist es möglich, aktuelle Print-Ausgaben von WELT, Hamburger Abendblatt und auch BILD zu laden.

Besonders das Revolverblatt BILD ist dafür bekannt, blanke Busen zu zeigen, gerne auch auf der Titelseite. Dass diese Darstellungen mit weißen Streifen überarbeitet werden, um nicht gegen die Regeln von Apple zu verstoßen, kann nicht überraschen. Allerdings geht die (Selbst?-)Zensur wesentlich weiter, wie man heute sehen konnte. Nicht nur Sex und Erotik scheint im Visier der Apple-Kontrolleure zu stehen, sondern auch Darstellungen, die in der US-Medienwelt als graphic violence bekannt sind.

In zwei BILD-Artikeln befinden sich Fotos, die durch schwarze Flächen abgedeckt werden. Zum einen geht es um Bilder aus einer TV-Dokumentation über brutale Aktionen in Tschechien, die sich im Mai 1945 offenbar gegen Sudetendeutsche richteten. Hinrichtungsszenen, Tote – alles abgedeckt. Der zweite Artikel berichtet über den “Plastinator” Gunter von Hagen, der Leichenteile präpariert und ausstellt. Auch hier wurden Darstellungen abgedeckt.

Sicher, BILD beutet solche Bilder gnadenlos sensationalistisch aus. Es stellt sich aber die Frage, wie weit das alles noch gehen wird. Werden wir bald auch keine Bücher im iBookstore finden, in denen Fotos von Leichenbergen in Konzentrationslagern den Völkermord dokumentieren? Wird das berühmte Exekutionsfoto aus dem Vietnamkrieg nicht mehr in der Applewelt zu sehen sein? Werden zuletzt die Schreckensbilder von Goya aus dem spanischen Krieg vor 200 Jahren der Zensur zum Opfer fallen?

Hier wird sich ein Druck in der öffentlichen Meinung aufbauen müssen, um solchen Entwicklungen Einhalt zu gebieten.