Sind klassische Bücher den iBooks und eBooks unserer Zeit technisch überlegen?

von Frank Feil am 14. Februar 2012 · 7 Kommentare

Niemand hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir irgendwann Bücher aus dem Internet herunterladen und unterwegs auf einem Tablet oder eBook-Reader lesen werden. Heute wissen wir es besser. Schon vor zwei Jahren wurden zeitweise mehr digitale als gedruckte Bücher verkauft. Amazon dominiert mit dem Kindle den eBook-Markt. Apple zieht mit iBooks in den Kampf um die Buchindustrie zu revolutionieren. Es scheint als hätten klassische Bücher diesen Kampf verloren – trotz technischer Überlegenheit.

Die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg liegt inzwischen schon einige Jahrhunderte zurück. Die Welt der Technik entwickelt sich rasend schnell fort. Was heute State of the Art ist, kann schon morgen veraltet sein. Vor diesem Hintergrund mag es sicherlich gewagt sein, die These aufzustellen, dass das klassische Buch den modernen eBooks technisch überlegen ist. Manche werden sich sogar fragen, ob man einem Buch überhaupt so etwas wie  ein technisches Feature attribuieren kann. Man kann.

  • Readable with any form of light
  • Very high contrast display
  • Requires no battery power
  • Depending on model, lasts anywhere from five to five thousand years or more
  • Immersive and non-distracting user interface
  • Offers a spatial layout for immediate access to random information
  • Conforms to the standardized “page number” spec for easy reference
  • Supports direct interaction via pen or highlighter
  • DRM-free for easy lending and resale
  • Standards-based system not controlled by any single corporation or entity
  • Crash-proof and immune to viruses (though vulnerable to some worms)
  • Easy to learn user-interface consistent across most manufacturers
  • Supports very large number of colors and also black and white images
  • Compatible with a wide variety of note taking systems

Das sind sie also, die technischen Spezifikationen eines Buches, diese Dieter Bohn für ein lesenswertes Editorial zusammengestellt hat. Und jetzt mal ehrlich: wer von uns hätte jemals ein Buch aus einem solchen Blickwinkel betrachtet? Was auf den ersten Blick ungewohnt erscheint, macht auf den zweiten Blick durchaus Sinn. Viele dieser Punkte kennen wir bereits, denn was uns hier in Form der technischen Details eines Buches begegnet, stellt letztendlich eine Liste an Bereichen dar, in denen Bücher dem eBook überlegen sind. Dabei steht außer Frage, dass einige Punkte durchaus streitbar sind. Man kann etwa argumentieren, dass Bücher zwar mit jeder Form von Licht lesbar sind, ein iBook auf dem iPad aber ganz ohne externe Lichtquelle auskommt.

Ich bin der Meinung, dass ein Buch in der Form wie es bereits unsere Großeltern kannten, den direkten Vergleich mit einem eBook gewinnt – falls die Punktzahl entscheidet. In der Praxis entscheidet aber nicht die reine Punktzahl, sondern die individuelle, situationsbedingte Wertschätzung einzelner Punkte. Bei mir verläuft die Trennlinie zwischen akademischen Büchern, mit denen ich arbeite, und Romanen, die ich einfach nur lese.

Bei akademischen Büchern muss ich einfach und schnell Markierungen und Notizen erstellen können. Auf einem Kindle oder iPad ist das nur eingeschränkt und mit erheblichem Aufwand möglich. Man kann eben nicht einfach auf die Seite eines eBooks kritzeln. Oft arbeite ich parallel mit mehreren Büchern, die nebeneinander liegen. Mit eBooks nicht machbar, außer man besitzt gleich mehrere eReader. Von wissenschaftskonformen Zitationen fange ich gar nicht erst an.

Ganz anders sieht es bei Romanen aus, bei denen es um das reine Lesevergnügen geht. Dieses wird etwa dadurch beeinflusst, dass manch ein Buch zu schwer ist, um es längere Zeit gemütlich auf dem Sofa in der Hand zu halten. Mein Kindle wiegt immer 170 Gramm, egal ob das Buch 100 oder 1000 Seiten hat. Und dann gibt es da noch diese Bücher, deren Schriftgröße selbst Ameisen riesig wirken lässt. Bei “echten” Büchern kann das extrem anstrengend sein, beim eBook kann ich die Schrift in wenigen Sekunden den eigenen Bedürfnissen anpassen.

Das waren nur zwei der zahlreichen Vorteile, die eBooks auszeichnen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: man kann 1000 Bücher auf einem iPad oder Kindle aufbewahren und spart sich so das Wandregal oder den zusätzlichen Koffer; eBooks sind billiger, teilweise sogar kostenlos; und so weiter. Im Endeffekt entscheidet dann aber doch jeder für sich selbst, ob man das klassische Buch oder das moderne eBook bevorzugt. Ich schätze beide Formate und bin davon überzeugt, dass entgegen einiger Vorhersagen, uns gedruckte Bücher noch viele Jahrzehnte begleiten werden.