Der deutsche iBookstore: zwischen Leerstelle und Erfolgsgeschichte

von Dirk Baranek am 20. Juli 2010 · 7 Kommentare

“Wir sind mit vielen Verlagen im Gespräch”. Das sagte uns Georg Albrecht, Pressesprecher von Apple Deutschland, zum aktuellen Status des deutschen iBookstores. Fast möchte man antworten: So sieht das auch aus! Denn wer im Moment glaubt, ihm böte sich dort die schöne neue Welt des ditalen Buches mit endloser Auswahl an Literatur, Sachbüchern und Ratgebern, der sieht sich getäuscht. Das Angebot ist begrenzt und kann eigentlich nur noch besser werden.

Groß war die Begeisterung, mit der Apple-Chef Steve Jobs Anfang des Jahres das iPad vorgestellt hatte. Vor allem eine Funktion war Jobs ganz wichtig: die Benutzung des iPad als E-Book-Reader. Bücher auf dem kleinen Tablet-Computer lesen, digital schmökern auf dem Sofa, das sollte das große kommende Ding werden. Dafür wurde die App iBooks programmiert, mit der man nicht nur Bücher lesen kann, sondern vor allem auch einkaufen soll. Dazu gibt es den iBookstore. Tausende Bücher zur Auswahl, runterladen, bezahlen und lesen – schöne Vorstellung. Und hier beginnt zumindest für den deutschen Nutzer das Problem.

Der deutsche iBookstore: Literatur als Abwesenheit

Zugegeben, ganz leer ist er nicht, der deutsche iBookstore. Aber wer erwartet, er könne nun mit seinem iPad (oder iPhone) mal so richtig tief einsteigen in die Weltliteratur und sich all die tollen Sachen aufs iPad holen, die die Welt der Bücher in der Moderne so zu bieten hat, zum Beispiel, der wird nicht fündig. Der wird arg enttäuscht sein.

Ich habe stichprobenartig etwa 40 Namen von Autoren aus Deutschland und dem Ausland getestet. Ich habe keine einzigen Titel gefunden. Ich erspare mir hier die Liste, aber es sind alle großen Namen der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts dabei. Bei älteren Titeln sieht es besser aus, aber das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass deren Urheberrechte schon abgelaufen sind und daher im Projekt Gutenberg veröffenlicht wurde. Das allerdings muss man Apple hoch anrechnen, zumindest diese Titel bereit zu stellen.

SPIEGEL-Bestseller-Liste: Quasi nicht vorhanden

Auch ein Test mit der aktuellen SPIEGEL- Bestseller-Liste fällt enttäuschend aus. Insgesamt verzeichnet diese auf den Verkaufszahlen basierende Liste 50 Titel, je zur Hälfte Belletristik-Titel sowie Sachbücher.

Bei den Romanen ist aus dieser Top-Liste ein einziges Buch zu haben. Der Titel “Garou” von Leonie Swann, aktuell auf Platz 3. Auch hier fällt auf, dass solche Erfolgsautoren wie zum Beispiel Henning Mankell, Donna Leon oder auch Christa Wolf im iBookstore mit keinem einzigen Titel vertreten sind. Lediglich von der Vampir-Autorin Stephenie Meyer gibt es etwas im Angebot. Die aktuelle Neuerscheinung aber nicht.

Bei den Sachbüchern sieht es etwas besser aus. Dort sind immerhin fünf Titel der deutschen Top 25 zu haben. Darunter gehört der Longseller von Richard David Precht (Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?”), die Autobiographie des Ex-Bundespräsidentenkandidaten Joachim Gauck (“Winter im Sommer, Frühling im Herbst”) sowie das Buch des Münchner Kriminalkommissars Josef Wilfling.

Insgesamt eine ziemlich ernüchternde Bilanz.

Apple: Wir verhandeln

Was denkt aber nun Apple selbst darüber? “Wir sind mit vielen Verlagen im Gespräch,” sagt Georg Albrecht, Pressesprecher von Apple Deutschland. Genauere Angaben, wie diese Verhandlungen aussehen und mit wem verhandelt wird, kann er allerdings nicht machen. Genausowenig möchte Albrecht über die Zahlen der eingestellten Titel sprechen oder Angaben über die bisher geladenen eBooks machen. Komplett drin sind nach seinen Angaben bisher zwei Verlage: Bastei Lübbe und Random House.

Man verhandelt also. Wie mir ein Insider aus der deutschen Verlagslandschaft mitteilte, laufen diese Gespräche aber noch nicht so lange. “Apple hat den Kontakt etwas spät aufgenommen.”

Läuft jetzt also gar nichts im iBookstore? Was ist mit den Verlagen, die Titel dort anbieten?

Random House: Sehr gute Erfahrungen

Da steht an erste Stelle wohl Random House Deutschland. Dazu gehören unter anderem renommierte Verlage (oder sagt man jetzt besser “brands”?) Diederichs, DVA, Goldmann, Heyne, Luchterhand, Siedler…

Wir haben derzeit mehr als 2.000 deutschsprachige Titel aus allen Bereichen und Genres (Belletristik, Sachbuch, Ratgeber, Kinder- und Jugendbücher) im iBookstore,” schrieb mir auf Grund einer Anfrage Claudia Limmer, Leitung Unternehmenskommunikation bei Randomhouse Deutschland. 2.000 Titel, immerhin. Die Bilanz sei für Random bisher gut, genaue Zahlen gibt es aber nicht. “Wir haben bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Ebook-Markt in Deutschland ist im Vergleich zu den USA zwar noch überschaubar, aber entwickelt sich spürbar und sehr erfolgreich.

Die Strategie des Verlages ist klar: Inhalte möglichst in alle Kanälen veröffentlchen. Das muss nicht beim iBookstore enden, aber er ist dabei. Limmer sagt: “Wir wollen unsere E-Books den Lesern über möglichst viele Endgeräte und Plattformen zugänglich machen und führen daher grundsätzlich Gespräche mit allen potentiellen Anbietern. “Digital Publishing” wird für die Verlage sicher immer wichtiger: Menschen werden auf einer Vielzahl von Geräten und Plattformen lesen, und neben dem E-Book entstehen weitere digitale Angebotsformen wie z. B. Enhanced Books oder Apps. Verlage wie z. B. Random House sind gut aufgestellt, um die Bücher ihrer Autoren auch in dieser neuen digitalen Welt kompetent zu vermarkten.” Aktuelle E-Book-Bestseller sind z. B. die Krimis von Stieg Larsson, “Garou” von Leonie Swann, die All-Age-Titel aus der “Evermore”-Serie und natürlich auch “Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?” von Richard David Precht.

Zwischenfazit: Wer mitmacht, scheint zufrieden.

Ulmer Verlag: iBookstore? Brauchen wir nicht.

Ziemlich skeptisch sieht Steffen Meier, Leiter der Online-Abteilung des Ulmer Verlages, den iBookstore. Die Stuttgarter sind seit Jahren online aktiv und vermarkten dort ihre Sachbücher aus den Bereichen Garten, Landwirtschaft und Umwelt sowie die Wissenschaftsreihe UTB. Digitales Publizieren ist für Meyer vor allem im Bereich Apps interessant, wo sich neue Anwendungsmöglichkeiten für die Inhalte ergeben. Die Printprodukte hingegen als digitale Ausgaben zu vermarkten hat höchstens eine strategische Bedeutung. Und wenn, dann macht Ulmer das im eigenen Webshop. Meyer kritisiert auch Apple: “Wir wissen eigentlich gar nicht, wie wir in den iBookstore reinkommen.” Er sieht auch gar keine Notwendigkeit, dort präsent zu sein, da es zum einen relativ unwahrscheinlich sei, dass die Kunden die Printprodukte digital lesen wollen und zum einen gäbe es ja so viele digitale Vertriebskanäle. “1:1 die Printsachen als digitale Versionen zu präsentieren, das funktioniert einfach nicht.” sagt Meyer.

Fazit: Der Weg ist noch sehr lang

Anders als bei iTunes-Store für Musik und Apps wird Apple der Erfolg bei den digitalen Büchern nicht in den Schoß fallen. Die eBook-Szene mit vielen Anbietern von Amazon bis Textunes schon da. Technische Hürden gibt es nicht. Wer dort Bücher kauft, kann sie auf dem iPad lesen, entweder mit den Apps dieser Anbieter oder als PDF in iBooks.

Dem iPad-Nutzer kann das nur recht sein. Er ist nicht auf Apples Verhandlungen angewiesen.

Abb: Screenshot des deutschen iBookstore