Zensur in Zeiten des iPads

von Dirk Baranek am 28. Mai 2010 · 27 Kommentare

Apple reguliert die Inhalte, die bei iTunes angeboten werden. Der Bereich Musik ist meines Wissens noch nie so recht davon betroffen gewesen, aber bei den Apps gab es zuletzt erhebliche Eingriffe. Inhalte mit leicht anzüglichem Bildmaterial wurden rausgeschmissen. Es ging dabei nicht um Pornografie, davon war sowieso noch nie etwas zu sehen, sondern um relativ harmlose Bikini-Fotos.

Jetzt aber geht es weiter. Inzwischen sind ja auch deutsche Verlage mit ihren Produkten auf Grund der neuen Möglichkeiten des iPads dort vertreten. Unter anderem der Springer-Verlag mit seiner App iKiosk. Mit der ist es möglich, aktuelle Print-Ausgaben von WELT, Hamburger Abendblatt und auch BILD zu laden.

Besonders das Revolverblatt BILD ist dafür bekannt, blanke Busen zu zeigen, gerne auch auf der Titelseite. Dass diese Darstellungen mit weißen Streifen überarbeitet werden, um nicht gegen die Regeln von Apple zu verstoßen, kann nicht überraschen. Allerdings geht die (Selbst?-)Zensur wesentlich weiter, wie man heute sehen konnte. Nicht nur Sex und Erotik scheint im Visier der Apple-Kontrolleure zu stehen, sondern auch Darstellungen, die in der US-Medienwelt als graphic violence bekannt sind.

In zwei BILD-Artikeln befinden sich Fotos, die durch schwarze Flächen abgedeckt werden. Zum einen geht es um Bilder aus einer TV-Dokumentation über brutale Aktionen in Tschechien, die sich im Mai 1945 offenbar gegen Sudetendeutsche richteten. Hinrichtungsszenen, Tote – alles abgedeckt. Der zweite Artikel berichtet über den “Plastinator” Gunter von Hagen, der Leichenteile präpariert und ausstellt. Auch hier wurden Darstellungen abgedeckt.

Sicher, BILD beutet solche Bilder gnadenlos sensationalistisch aus. Es stellt sich aber die Frage, wie weit das alles noch gehen wird. Werden wir bald auch keine Bücher im iBookstore finden, in denen Fotos von Leichenbergen in Konzentrationslagern den Völkermord dokumentieren? Wird das berühmte Exekutionsfoto aus dem Vietnamkrieg nicht mehr in der Applewelt zu sehen sein? Werden zuletzt die Schreckensbilder von Goya aus dem spanischen Krieg vor 200 Jahren der Zensur zum Opfer fallen?

Hier wird sich ein Druck in der öffentlichen Meinung aufbauen müssen, um solchen Entwicklungen Einhalt zu gebieten.

Abgelegt in: Apps, iBooks

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Gilly Mai 28, 2010 um 09:27

Auf jeden Fall zensiert Apple in iTunes bei Filmen und Musikstücken die Titelbezeichnung, wenn ein böses Wort drin vorkommt.

Aus Sperma wird dann halt S****a. Sehr sinnig bei einer Dokumentation über eben jenes ;)

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HCL Mai 28, 2010 um 09:45

ein titel unseres letzten mini albums heisst jetzt:
»A Proven P***s Enlargement Program«
tja, was haben wir auch solche songs…

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K Mai 28, 2010 um 11:09

“BILD beutet solche Bilder gnadenlos sensationalistisch aus.”

Nicht nur sensationalistisch sondern in diesem Fall vor allem revisionistisch im Sinne des rechtsradikalen Bund der Vertriebenen.

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Johannes Lauterberg Mai 31, 2010 um 10:21

Wo besteht denn Handlungsbedarf?
Gerade Springer betet das iPad als Heilsbringer an und muss sich jetzt folgender, simpler Erkenntnis stellen:
Die Regeln werden von Apple gemacht, niemand ist gezwungen, Apps anzubieten.

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graetz Mai 31, 2010 um 10:34

Man muss ja nicht gleich zur “App” greifen, die Inhalte sind ja auch per Browser verfügbar – gänzlich unzensiert – aber dann braucht man natürlich auch keinen iPad mehr …

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Will Mai 31, 2010 um 10:39

apple zensiert sogar literaturklassicker wie “moby dick”. aus dem englischen “sperm whale” was soviel wie pottwal heisst, wurde ein s**** whale” und was mit mobys nachnamen geschah, kann sich jeder vorstellen…
es wäre schön,wenn die medien auch einmal kritisch über das ge”i”ere berichten würden und nicht jedes neueste produkt aus deren hause hochjubeln würden.

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Mordred Mai 31, 2010 um 11:29

der deutsche Presserat und Bildblog.de dürften jetzt die Sektkorken knallen lassen.

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gilles Mai 31, 2010 um 12:25

Die Zensur der Bild ist ja eigentlich recht angebracht. Da das Schmuddelblatt selbst ja nicht auf die Idee kommt.
Bei richtigen Zeitungen hingegen, ist das Apple-Vorgehen mehr als zweifelhaft. Aber gut, Apple ist nicht die Welt und ihre überteuerten Nischenprodukte sind ja eh nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht.

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Chris Mai 31, 2010 um 14:21

Ich habe mir noch nie eine Bild gekauft, weil mir der Inhalt einfach nicht gefällt. Eine Zensur dieser “Zeitung” ist aber dennoch nicht zu rechtfertigen, sofern nicht gegen ein Gesetz verstoßen wird oder die Rechte Einzelner verletzt werden (was aber wohl häufig der Fall sein dürfte).

Am Wochenende war ich versehentlich in einer Kirche, in der ein recht realistisch dargestellter Jesus am Kreuz hing. Es wäre interessant zu erfahren, ob ein Foto dieser Kirche in einer App entsprechend geschwärzt werden müsste.

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dot tilde dot Mai 31, 2010 um 14:41

@6 (mordred):

warum das?

.~.

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born Mai 31, 2010 um 15:17

Da sieht man es halt, nicht das iPad rettet das Zeitungswesen… das war doch von Anfang an Quatsch. Die Technik und Apps sind ja nichts falsches, aber erst wenn es Konkurrenz und vor allem vernünftige Opensourcevarianten gibt macht das ganze auch Sinn. Bis dahin ist das was man auf sein Pad bekommt eben gefiltert und damit das Papier schon vor dem Druck schmutzig.

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L Mai 31, 2010 um 16:33

etwas OT, aber nötig, sorry:
@K revisionistisch? Meinst du damit Geschichts-revisionistisch?
Dem muss widersprochen werden, denn es handelt sich hier nicht um Geschichtsklitterung oder dergleichen sondern um ein mittlerweile veröffentlichtes Originalvideo!
“Forschungen, die zunächst eine Minderheitsmeinung in der Geschichtswissenschaft vertreten, die sich dann aufgrund neuer gesicherter Erkenntnisse allgemein durchsetzt, werden im deutschen Sprachraum jedoch nicht Geschichtsrevisionismus oder Revisionismus genannt.” (wiki)
sorry, aber wer glaubt, dass es in so einem Krieg nur von einer Seite Greueltaten gab ist schlichtweg naiv…

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Onebyone Juni 1, 2010 um 01:44

gebt mal.. “vietnamkrieg exekutionsfoto” bei google ein.. beunruhigend.

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Dirk Baranek Juni 1, 2010 um 08:19

@Onebyone: Krass.

Marton R Juni 1, 2010 um 08:19

Was hat man sonst erwartet? Die Freiheit? Die elektronischen Zensoren kennen noch weniger Gnade wie die Stasizensoren. (Ironie, in Bild ist oft das einzige Erträgliche wohl der nackte Busen, wobei das Frau-Sexobjekt auf Seite 1 meistens mit irgendeine Empörung über Sexualtäter in späteren Blättern gefolgt wird ) . Aber bitte: Die Zeitungen jammern alle über Geldmangel…. Dann sollten sie damit aufhören, die gesamte Businesscommunity mit Werbung umsonst zu versorgen. Wenn Apple für die Seite-Eins Werbung hätte zahlen müssen, hätten die Zeitungen auch mehr Geld für Journalisten, das könnte bessere Berichterstattung unterstützen…

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Sebastian Juni 3, 2010 um 15:19

Ich kann mich gar nicht aufregen. Amazon hat mein iPad immer noch nicht geliefert.

Oh Moment…

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Kai August 4, 2010 um 18:23

Gib in Google mal “vietnamkrieg exekution foto” ein und Du wirst andere Ergebnisse in der Bildersuche finden.

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cgerlach August 23, 2010 um 15:18

ich mag dumm und naiv sein, aber mir ist egal, was zensiert wird, solange alles einfach zu bedienen ist und alle funktionen da sind die ich brauche!!!! man muss nicht überall und für jeden mist bewusstsein entwickeln. ich brauche weder hinrichtungsfotos noch pornographie. ich fände es auch gut, wenn das aus dem internet ganz verschwindet!!! besonders mit kinder, es ist absolut widerlich. und die ganzen computerfreaks regen sich dann auch noch auf, wenn einer mal eine sperre einrichten will.

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Dirk Baranek August 23, 2010 um 18:14

Danke für deine engagierte Meinung. Es ist allerdings in dieser Diskussion immer schwierig, wer und wir die Grenzen zu definieren sind. Bisher haben das in D die Gerichte getan. Nun aber ist es ein Unternehmen. Für meine Person ist die Sache allerdings klar: wer mit der Politik von Apple nicht einverstanden ist, der muss es ja schließlich nicht kaufen …

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